Inhalt
Vorwort
Was ist Rapé?
Herkunft und Ursprung
Susanna: Eine Stimme aus dem Regenwald
Inhaltsstoffe und Herstellung
Mapacho: die Tabakpflanze
Nikotin: der Hauptwirkstoff
Die Bedeutung der Zustatzstoffe
Nunu: Ein Verwandter aus dem Regenwald
Die CDC-Studie aus 2015: Was die Wissenschaft über Rapé weiß
Anwendung und Zeremonie
Kann man Rapé selbst herstellen?
Ein Blick in die Zukunft
Nachwort, persönliche Anmerkungen
Danksagungen
Leseprobe
Was ist Rapé?
Wer zum ersten Mal von Rapé hört, steht meist vor einem Aussprache-Problem. Das Wort stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „fein gerieben” oder „geraspelt”. Gesprochen wird es allerdings nicht französisch, sondern portugiesisch: „Ha-pee”. Bei uns hat sich die Aussprache mit R und langem E, also “Rapee’, etabliert.
Rapé ist ein feines Pulver, das aus gemahlenem Tabak und verschiedenen Pflanzenzusätzen hergestellt wird. Es wird durch die Nase aufgenommen, entweder selbst verabreicht oder von einer anderen Person eingeblasen. Damit endet aber auch schon die einfache Definition, denn Rapé ist in seiner Vielfalt kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen: Es gibt Hunderte von Mischungen, jede mit einem anderen Profil, einer anderen Intention, einem anderen kulturellen Hintergrund.
Nicht zu verwechseln
Wer beim Wort Schnupftabak an die kleinen Dosen denkt, die man noch bei älteren Herren in alten Filmen sieht, liegt nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Der europäische Schnupftabak ist ein fermentiertes, oft aromatisiertes Tabakprodukt, das ebenfalls durch die Nase aufgenommen wird. Rapé ist etwas anderes: Es ist trockener, feiner, basiert auf anderen Tabaksorten und enthält Zusatzstoffe, die im europäischen Schnupftabak nicht vorkommen. Vor allem aber hat es einen völlig anderen kulturellen Kontext. Und der ist, wie wir noch sehen werden, nicht nebensächlich.
Der Unterschied zeigt sich auch in der Anwendung selbst. Europäischer Schnupftabak wird mit den Fingern aus einer Dose entnommen und vor das Nasenloch gehalten, von wo er eingeatmet wird. Rapé hingegen wird mit einem speziellen Rohr – dem Kuripe oder dem Tepi – direkt und mit Druck in die Nasenhöhle geblasen. Das ist kein kosmetischer Unterschied: Die Art der Verabreichung beeinflusst die Intensität und Geschwindigkeit der Aufnahme. Auf die Werkzeuge und ihre Verwendung gehen wir in einem eigenen Kapitel ausführlicher ein.
Die Basis: Tabak
Der Hauptbestandteil von Rapé ist in den meisten Fällen Tabak, allerdings nicht der Tabak, den wir aus Zigaretten kennen. Verwendet wird fast ausschließlich Nicotiana rustica, im Amazonasgebiet als Mapacho bekannt. Diese Wildtabakart enthält das bis zu Zwanzigfache an Nikotin im Vergleich zu Nicotiana tabacum, der kommerziellen Tabakpflanze. Sie wächst in den Regenwäldern Südamerikas und wird von indigenen Völkern seit Jahrtausenden kultiviert und verwendet – nicht als Genussmittel, sondern als Medizin und rituelles Werkzeug.
Dieser Unterschied ist fundamental. In der westlichen Welt ist Tabak vor allem mit Sucht, Zigaretten und Lungenkrebs assoziiert, einem Konsum, der auf Verbrennung basiert und auf tägliche, oft zwanghafte Wiederholung ausgelegt ist. Mapacho wird in seiner Herkunftskultur anders verstanden: als Pflanze mit eigenem Geist, als Werkzeug zur Kommunikation mit der unsichtbaren Welt, als Medizin, die – richtig angewendet – heilt, und – falsch angewendet – schadet. Dieses Verständnis ist kein Aberglaube, sondern Ausdruck einer jahrtausendealten empirischen Praxis. Auf Mapacho werden wir in einem eigenen Kapitel noch ausführlicher eingehen.
Die Zusätze
Was Rapé von einfach gemahlenem Tabak unterscheidet, sind die Zusatzstoffe. Der wichtigste davon ist Asche. Auch hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Nicht irgendeine Asche, sondern die Asche spezifischer Pflanzen, Hölzer oder Baumrinden, die je nach Stamm und Tradition variiert. Diese Asche ist kein neutrales Streckmittel: Sie verändert den pH-Wert des Pulvers und damit die Bioverfügbarkeit des Nikotins erheblich (dazu mehr im Kapitel über Inhaltsstoffe und Herstellung).
Dazu kommen je nach Mischung weitere Pflanzenbestandteile: Kräuter, Samen, Blüten, Rinden, manchmal auch Harze oder getrocknete Früchte. Manche dieser Zutaten sind bekannt und dokumentiert, andere sind Teil des spezifischen Wissens eines Stammes oder einer Familie und werden nicht nach außen gegeben. Diese Geheimhaltung ist kein Zufall: Sie ist Ausdruck eines Verständnisses von Wissen als etwas Lebendiges, das weitergegeben, aber nicht veröffentlicht wird. Wissen ist in diesen Kulturen kein abstraktes Gut, das man besitzen oder kaufen kann. Es ist gebunden an Beziehung, Vertrauen und Verantwortung.
Wirkung
Ebensowenig hat Rapé mit den klassischen psychedelischen Substanzen zu tun, mit denen es manchmal in einem Atemzug genannt wird. Es erzeugt keine Halluzinationen, keinen „Trip” im üblichen Sinne. Die Wirkung ist klarer, körperlicher, direkter, und genau das macht es für viele Menschen interessant, die zwar offen für neue Erfahrungen sind, aber nicht den großen Sprung in die Welt der Psychedelika machen wollen oder können. Dennoch können die Reaktionen auf Rapé stark, ja sogar heftig sein. Nicht jeder verträgt das Pulver, in einem Fall, den ich kenne, löste es einen mehrstündigen Zustand der Übelkeit und des Schwindels aus. Auch die Dosierung ist sehr individuell und unterscheidet sich bisweilen um den Faktor 10. Manche Personen spüren bei einer kleinen Menge schon eine intensive Wirkung, andere vertragen weitaus mehr. Das hat auch nicht viel mit dem Körpergewicht zu tun; wer allerdings Rapé häufiger nimmt, kann damit auch besser umgehen und verträgt auch mehr.
Die Wirkung spürt man rasch und intensiv, und meiner Erfahrung nach ist sie in ihrer Art einzigartig: Sie spült die Gedanken weg und erzeugt eine gewünschte Leere im Kopf, die man sonst vielleicht durch längeres Meditieren erreichen kann. Die starke Dosis Nikotin, die man dadurch erhält, wirkt binnen kürzester Zeit, also innerhalb der ersten Sekunden. Deswegen sollte man auch sitzen, und zumindest bei den ersten Applikationen es auch nicht alleine nehmen.
Die Wirkung hält fünfzehn bis dreißig Minuten an, wobei dieser Zeitraum sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Ich habe ihn oft als weitaus kürzer empfunden, was auch zeigt, dass die Wirkung auf das Bewusstsein und das Zeitempfinden durchaus fundamental ist. Nach dem Abklingen hält der Zustand der inneren Ruhe und auch der Fokussiertheit noch länger an, manchmal etliche Stunden. Tätigkeiten, die erhöhte Konzentration betreffen (z. B. Autofahren) ist nach einer Stunde möglich, wenn man selbst das Gefühl hat, dass die erste Wirkungsphase ganz abgeklungen ist und man selbst wieder sicher im normalen Wachbewusstsein angekommen ist. Auch das ist natürlich individuell zu beobachten und auch zu entscheiden.
Ein Produkt, viele Gesichter
Es gibt nicht „das eine” Rapé. Je nach Herkunft, verwendeten Pflanzen und Intention unterscheiden sich die Mischungen erheblich, in ihrer Intensität, ihrer Wirkung, ihrem Aroma und ihrer Farbe. Manche Rapés sind mild und klar, andere intensiv und erdend, wieder andere werden für spezifische Zwecke hergestellt: zur Vorbereitung auf eine Zeremonie, zur Reinigung, zur Unterstützung bei körperlichen Beschwerden oder zur Förderung von Konzentration und innerer Stille.
Diese Vielfalt ist auch für den westlichen Konsumenten relevant. Wer zum ersten Mal Rapé ausprobiert und dabei eine besonders intensive Mischung erwischt, könnte den Eindruck gewinnen, dass Rapé grundsätzlich überwältigend ist. Wer mit einer milden Mischung beginnt, erlebt etwas völlig anderes. Die Bandbreite ist groß, und das Wissen darüber, welche Mischung für welchen Menschen und welchen Zweck geeignet ist, gehört zu den Dingen, die man sich über Zeit aneignet. Ein Buch kann dabei eine Orientierung geben, ersetzt aber nicht die eigene Erfahrung.
Rechtliche Grauzone
Rapé ist in den meisten westlichen Ländern legal. Der Hauptinhaltsstoff Tabak ist ein legales Konsumgut. Dennoch wird Rapé von vielen Anbietern als Räucherstoff verkauft, nicht als Tabakprodukt. Der Grund ist pragmatisch: Tabakprodukte unterliegen in Europa und anderen westlichen Märkten strengen Regulierungen und eigenen Gesetzen sowie Warnhinweisen, Alterskontrollen, Steuerauflagen und Vertriebsbeschränkungen. Als Räucherstoff fällt Rapé aus diesem Raster heraus. Das ist eine rechtliche Grauzone, die sowohl Anbieter als auch Konsumenten kennen sollten.
Das bedeutet auch: Es gibt keine behördliche Qualitätskontrolle. Wer Rapé kauft, verlässt sich auf die Seriosität des Anbieters und – im besten Fall – auf Transparenz über Herkunft und Inhaltsstoffe. Auf was dabei zu achten ist, besprechen wir im Kapitel über Inhaltsstoffe und Herstellung.
Was Rapé ist – und was es nicht ist
Rapé ist kein Wundermittel und kein harmloses Spielzeug. Es ist eine Substanz mit pharmakologischer Wirkung, die, wie jeder Tabak, Risiken mit sich bringt. Es ist aber auch kein einfaches Rauschmittel, das man auf eine schnelle Erfahrung reduzieren kann. Wer sich ernsthaft damit befasst, stößt schnell auf eine Tiefe, die über die Substanz selbst hinausgeht: auf Kulturen, auf Heiltraditionen, auf ein Verständnis von Körper und Geist, das sich grundlegend von unserem westlichen unterscheidet.
Genau diese Tiefe ist es, die dieses Buch erkunden möchte; so weit, wie es von außen eben möglich ist.